|
DIE LETZTE CHANCE
von Oswald Lipfert
Personen:
Christine
Martine
Florian
Mirco
Vier Geschwister
Wohnzimmer eines heruntergekommenen alten französischen Herrenhauses. Eine Tür führt ins Esszimmer, in dem der sterbenskranke Vater untergebracht ist. Eine andere Tür führt in den Flur. Das Wohnzimmer hat große Fenster und Terrassentüren. Vertrocknete Topfpflanzen, Sessel, Couchtisch, Sofa, Stehlampen, Bücherregal, alles abgenutzt und veraltet. Auf einer modernen Fernsehunterstellkommode klafft eine Lücke, da sich der Fernseher im Sterbezimmer auf dem Esstisch vor dem Krankenbett befindet. Ein Antennenkabel liegt quer über dem Boden und endet im Sterbezimmer, wodurch das Öffnen und Schließen der Tür erschwert wird. Es gibt nur einen sehr begrenzten Einblick in das Sterbezimmer, das abgedunkelt ist, und in dem der riesige Fernseher mit ziemlicher Lautstärke läuft, so dass man den Sterbenden weder sehen noch hören kann. Man sieht nur das Flimmern des Fernsehers, wenn die Tür geöffnet wird, und hört die Publikumskulisse im Stadion aus dem Fernseher und hin und wieder kaum verständliche Sätze der Kommentatoren.(natürlich auf französisch)
Im Wohnzimmer anwesend sind die Kinder des sterbenden Mannes, Christine, Martine, Florian und Mirco. Im Augenblick spielt gerade die französische Mannschaft im letzten Vorrundenspiel gegen Togo um den Einzug in die Hauptrunde. Der Gegner ist ein kleines, armes afrikanisches Entwicklungsland, ehemalige deutsche, später französische Kolonie. Alle Anwesenden kommen gerade von zu Hause, wo ihre Ehepartner mit Freunden vor dem Fernseher sitzend auf sie warten. Alle vier sind eigentlich zutiefst genervt und wollen unbedingt möglichst bald wieder weg, aber man kann das in so einer Situation eben nicht zeigen. Da es im Sterbezimmer sehr unangenehm riecht, können sie jetzt nicht mal das Spiel sehen. Hin und wieder verliert der eine oder andere die Form, verrät sich. Jeder weiß um dieses Problem und bemüht sich, keinen Fehler zu machen. Wenn die anderen Fehler machen, reagiert man darauf erst empört, dann wischt man es weg, im Sinne von, kann doch jedem passieren, ist nur zu verständlich in dieser Situation. Alle warten also und versuchen ihre Ungeduld und ihr Genervtsein nicht zu zeigen. Nach ziemlich langer Zeit geht Christine ins Sterbezimmer. Mirco geht nach einiger Zeit hinterher, schaut kurz hinein, schließt die Tür mit einem aggressiven Ruck, deutet mit einer entschuldigenden Geste auf das Kabel, das am Boden liegt und wendet sich dann ungehalten an Martine, seine ältere Schwester.
Mirco Du hast gesagt, er liegt im Sterben.
Martine Ja. Und? Stimmt ja auch. Aber er wollte halt unbedingt noch das Spiel
sehen. Das kann man ihm doch wohl noch gönnen. Finde ich
jedenfalls.
Mirco Ich auch.
Martine Na also.
Mirco Ich auch! Ich würde das Spiel auch gerne sehen!
Martine Mach doch.
Mirco Wo denn?
Florian steht auf und verlässt den Raum durch die Tür zum Flur.
Martine Na, wo wohl?
Mirco Non. Ohne mich.
Martine Na, dann eben nich. Tampis pour toi, mon cher.
Mirco Das stinkt doch bestialisch da drinnen.
Martine Man muss ihn eben mal waschen.
Mirco D’accord. Nix dagegen.
Martine Très gentile. Wirklich nett von dir.
Christine kommt aus dem Sterbezimmer. Lautes Getobe im Stadion aus dem
Fernseher. Sie schließt die Tür wieder mit einigem Kraftaufwand. Setzt
sich dann wieder in den Sessel, in dem sie vorher gesessen hatte.
Unentschieden. Gleich Halbzeit.
Pause
Florian kommt zurück mit einem alten grauen, kleinen tragbaren
Schwarzweißfernseher.
Gefunden. Wusstich doch, dass da noch irgendwo son altes Teil.
Wusstich.
Steckt den Stecker rein und stellt ihn an. Alle anderen sind gespannt,
was passiert.
Handys klingeln. Der Fernseher rauscht. Nach einer Irritationssekunde,
schauen alle aufs Display ihres Handys. Dann nehmen sie alle genervt
den Anruf ihrer Frauen, beziehungsweise ihrer Männer entgegen.
Alle chorisch
Oui, hallo. Jaaa! Ich weiß, dass das Spiel schon läuft. Das weiß ich
auch, dass gleich Halbzeit ist. Ja, immer noch unentschieden. Wissen
wir. Wissen wir. Nein, der steht beim Papa im Zimmer, er wollte doch so
gerne das Spiel sehen. Nein wir sind alle im Wohnzimmer. Nein, das
geht nun mal nicht. Das hält man eben nicht aus, leider, aber Florian
versucht (Florian: ich versuche) versucht gerade, den alten
Schwarzweißfernseher zu reaktivieren. Ton ca va. Hamm wa schon. Bild
fehlt noch. Ja, sobald als möglich. Wir sind ja nicht zum Spaß hier, oder?
Ja, tschüss, tschüss, tschüss. Bis nachher. A tout à l’heure.
Plötzlich Totenstille. Alle schauen sich an
.
Alle chorisch Muss ein Tor gefallen sein.
Mirco Für wen?
Florian Vermutlich für die andern. Vermutlich.
Martine Wieso?
Mirco Vermutlich, hat er gesagt, Martine. Vermutlich! Geh doch rüber, wenn du’s
genau wissen willst.
Martine Geh doch selber.
Mirco Ich will’s ja gar nicht wissen. Kann ja nur schiefgehn. Heute. Alles.
Martine Klar, bei so einer Einstellung. Macht überhaupt keinen Spaß, mit
jemandem wie dir Fußball zu gucken.
Mirco Was heißt denn hier gucken? Und überhaupt. Meint ihr nicht, man könnte
ihm den Apparat nicht mal so langsam wegnehmen. Der kriegt doch
sowieso nichts mehr mit. Schweigen Ich meine, ist eigentlich doch viel zu
aufregend für ihn, in seinem Zustand.
Christine Was bist du doch für ein Ekel.
Mirco Na, Florian ca va? Was is? Kriegstes wieder hin oder soll ich mal?
Florian Wird schon.
Mirco Kann sich nur um Stunden handeln, wa?
Martine Nee, ehrlich. Vraiment. Mit dir Fußball gucken, Mirco, das ist ne Strafe.
Unerträglich bist du. Mit deiner ewigen Schwarzseherei, deiner ewigen
schlechten Laune, deiner ewigen Meckerei. Leute wie du, die sind
schuld daran, wenn wir’s nicht packen, wenn wir rausfliegen. Oder willst
du, dass wir rausfliegen? Ja, willst du das, du Arschloch?! Man muss
doch unsere Mannschaft unterstützen. Auch wenn sie mal nicht so toll
spielen. Machen die anderen doch auch. All die anderen Länder.
Deutschland zum Beispiel. Die sind doch nur deswegen so gut, weil alle
hinter der Mannschaft stehen. Da gibt’s überhaupt keine Kritik an der
Mannschaft. Ja und das hilft. Ist doch klar. Wenn alle hinter der
Mannschaft stehen, wenn alle wollen, dass wir Weltmeister werden, dann
werden wir das auch. Und ich will, dass wir endlich wieder gewinnen,
dass wir Weltmeister werden und dass es wieder aufwärts geht mit
Frankreich. Das schlägt sich nämlich auf alles nieder, auf die Wirtschaft,
auf die Menschen. Dann ist endlich Schluss mit dieser Scheißstimmung
hier bei uns. Und wir werden Weltmeister, klar? Und das lasse ich mir von
dir nicht kaputtmachen. Ich nämlich, ich unterstütze unsere Mannschaft
mit allen mir zur Verfügung stehenden Kräften. Und Mitteln. Ja, du wirst
lachen, auch von hier aus. Das spüren die. Das weiß ich aber genau. Das
ist sogar wissenschaftlich bewiesen.
Mirco Was?
Martine Dass das energiemäßig eine Auswirkung hat, auf die Spieler. Ja! Das sind
so Energiewellen eben. Die breiten sich aus. Schneller als mit
Lichtgeschwindigkeit. Selbst unter Wasser. Tausende Meter unter dem
Meeresspiegel sogar noch. Ja. Echt. Hat man son Muttertier irgendwo auf
ner entfernten Insel, oder Australien oder so, hab ich vergessen,
angeschlossen an so Messinstrumente, und hat ihre beiden, also zwei
oder so aus ihrem Wurf, irgendwie tief unten im Meer, oder umgekehrt,
das Muttertier, glaube ich, war unten im Meer, na ist ja auch egal, also die,
die aus dem Wurf, die hat man umgebracht oder erstickt oder so, und im
gleichen Moment hat das Muttertier, ne Ratte oder so, eine Reaktion
gezeigt. Die Uhren waren total synchronisiert. Gingen auf die tausendstel,
oder noch mehr sogar, Sekunden gleich. Ja, echt, hab ich gelesen, in
Stern, glaube ich. Ganz seriös. Wissenschaftlich bewiesen ist das nämlich.
Echt. Das überträgt sich. Die Gefühle und so. Grins nich so blöd. Ist nicht
auf meinem Mist gewachsen.
Mirco OK. Danke für den Vortrag. Werde von jetzt an nur noch positiv denken,
um das Energiefeld nicht mit Negativenergie zu stören. Mal sehen, ob’s
wirkt. Bei meiner momentan unglaublich geballten Positivladung, kann
eigentlich nichts mehr schief gehen.
Die drei anderen beobachten genervt, wie Florian versucht, den alten
Kleinen Schwarzweißportablen zum Laufen zu bringen. Jeder könnte es,
seiner Meinung nach, eigentlich besser. Aber Florian hantiert ruhig weiter,
wenngleich er sich enorm unter Druck gesetzt fühlt. Die anderen geben
genervt Ratschläge.
Christine Ist denn die Antenne überhaupt richtig drin?
Mirco Drück doch mal eine andere Programmtaste.
Martine Braucht man da nicht eigentlich diesen kleinen Schraubenzieher, um den
Sender einzustellen. Musste man früher doch alles von Hand machen.
Mirco Florian, was ist denn? Soll ich mal?
Florian Du siehst doch dass ich dran bin.
Martine Nu lass doch den Florian. Der kennt sich aus mit so was. Hat schließlich
mal inner Elektroabteilung. Ne Zeitlang. Also.
Irgendwann, gibt das Gerät richtige Töne von sich. Dann hört man die
Stadionkulisse.
Florian Aha. Geht ja. Na also. Wer sagts denn. Warum denn nicht gleich so.
Mirco Siehst du was? Ich sehe noch nix. Immerhin. Flimmert schon. Man kann
nur die Spieler noch nicht so richtig unterscheiden.
Christine Du immer mit deinem Spott. Das hilft überhaupt zu nichts.
Martine Ach lass man, Christine. Der ist doch total fürn Arsch.
Mirco Immerhin schon so was wie Ton. Wahrscheinlich nur ein kleiner
Wackelkontakt. Oder feucht geworden.
Martine Nee. Muss man nur genau einstellen, das Programm. Das geht bei dem
alten Ding noch nicht automatisch. Alles noch mit der Hand.
Ton wieder weg
Mirco Also, soll ich mal versuchen?
Florian Merde.
Christine Was is?
Florian Scheiße. Na eben totale Scheiße. Und verdammt noch mal, lasst mich
doch endlich mal. Ich meine, das ist einfach nicht so ... einfach, ne? Wie
ihr euch das vorstellt. Das nervt echt, die ewige Laberei. Eure guten
Ratschläge.
Pause
Wieder Ton
Mirco Auf welchem läuft’s denn überhaupt? ARD oder ZDF?
Florian ZDF oder ARD. Ist doch scheiß egal!
Mirco Kriegt man das überhaupt rein mit der kleinen Antenne?
Christine Na , wenn der Ton da ist.
Mirco Wahrscheinlich wirklich nur ein Wackelkontakt. Schlag mal drauf. Musste
man früher, glaube ich, auch immer machen. Nee. Richtig. So!
Er haut mit voller Wucht und Wut auf den Apparat. Jetzt ist das Gerät
still. Nur noch Geflimmer. Wenn überhaupt.
Mirco Jetzt du, Bernd. Nu mach schon. Der muss richtig durchgerüttelt werden.
Echt. Na dann eben nicht.
Florian Hey, super. Echt Superklasse. Mirco. So und jetzt lass mich man machen,
ja? Wenn jetzt überhaupt noch irgendwas zu machen ist, nach deiner
tollen, so überaus hilfreichen Aktion.
Mirco Schon gut. Tschuldigung. Sorry. Désolé. Hab gedacht. Na hilft ja
manchmal. Früher jedenfalls. Na egal. Sowieso nur scheiß schwarzweiß
und uralt das Ding. Kann man wahrscheinlich eh nix drauf erkennen, so
klein wie der is, ne? Komm lass man gut sein Florian. Wird eh nichts.
Martine Nun lass ihn doch. Wenigstens einer, der ne Beschäftigung hat. Die
Warterei geht mir total aufn Sack.
Christine Sollten wir nicht vielleicht doch den Notarzt kommen lassen?
Martine Waaas? Aber das haben wir doch jetzt schon hundert mal durchdiskutiert.
Das will er doch nicht. Er will nicht ins Krankenhaus. Hier hat er es gut.
Das ist sein Haus. Hier fühlt er sich wohl. Und außerdem im Grunde
genommen, warum etwas unnötig in die Länge ziehen? Damit ist ihm
doch überhaupt nicht geholfen. Und ganz nebenbei, uns allen auch nicht.
Christine Hast du eigentlich Mama Bescheid gegeben?
Martine Ja. Ja! Habe ich. Ich habe versucht sie mitzubringen. Sie war aber kaum
ansprechbar. Geht wahrscheinlich auch bald zu ende mit ihr. Ist vielleicht
das Beste so. Für sie. Ist ja so eigentlich gar kein Leben, das was sie da
führt. Auf jeden Fall hat sie wieder nur rumgetobt. Ich konnte sie nicht
dazu bringen mitzukommen. Könnt ihr euch ja vorstellen. Ihr wisst ja, wie
sie ist.
Florian Ist wahrscheinlich auch besser so.
Christine Kann man ihr eigentlich nicht vorwerfen, in dem Zustand. Schrecklich
traurig alles, finde ich jedenfalls.
Mirco Wird eben von Tag zu Tag schlimmer. So ist das eben. Ihr Leben, sag ich
mir immer. Gott sei dank nicht meins.
Immer noch keine Bilder auf dem Bildschirm.
Die Situation wird immer angespannter. Jeder überlegt, ob man nicht doch
eigentlich den Notarzt kommen lassen müsste. Aber die Kosten. Und dann
noch das Krankenhaus. Ob es wohl ein Testament gibt? Jeder von ihnen
befindet sich in einer schwierigen finanziellen Situation. Das darf aber nach
außen hin nicht den Ausschlag geben. Daran muss man fest glauben. Der
Bonhomme, der Gutmensch, muss erhalten bleiben, und das macht eben
ungeheuren Stress. Grundsätzlich aber glaubt jeder, dass es wirklich das
Beste ist, für den Vater, wenn es möglich schnell zu ende geht mit ihm.
Alle sind mit ähnlichen Gedanken beschäftigt. Dann chorisch. Jeder für
sich, vor sich hinbrabbelnd.
Alle Non, vraiment, ich glaube wirklich, es ist das Beste so für Papa. Wirklich.
Sie blicken sich an.
Oder etwa nicht?
Die Blicke von Christine, Florian und Mirco richten sich auf Martine
.
Martine Ich finde es völlig unangebracht, dass man mich hier jetzt unter Druck
setzt. Völlig unangebracht. Ich meine, ich bin doch nicht die Einzige. Wir
waren uns doch. Oder nich? Wir haben doch wirklich alles. Nein? Ist doch
so. Oder spinn ich?
Christine Also ich hab mir gerade überlegt, man könnte vielleicht. Ich meine. Ich
weiß auch nicht so genau, ob ich damit richtig liege, aber trotzdem.
Irgendwie, na ja ist vielleicht Blödsinn. Trotzdem, wäre einen Versuch
wert, vielleicht.
Mirco OK Marie. Lass uns später. Ja? OK? OK. Na und? Immer noch kein Bild.
Merkwürdig still, oder? Ob mal einer? Christine, hm? Cherie. Bist doch
Papas Liebling.
Christine geht ins Sterbezimmer. Wenn sie die Tür öffnet beginnt das Publikum im
Fußballstadion wieder zu toben. Sie schließt die Tür.
Mirco Ihr hinterher rufend
Wenn er mich sieht, fällt er bestimmt tot um.
Lacht ein wenig unsicher.
Wer weiß. Stimmt’s Fritzi?
Martine Leck mich!
Mirco Später.
Christine kaum hörbar, obwohl sie schreit, weil der Fernseher so laut ist. Man hört
immer nur einzelne Brocken. Die anderen bekommen zwar mit, was da
im Sterbezimmer geschieht, aber sie hören nicht hin. Sie wollen auch
eigentlich nichts davon wissen. ( für die Regie: Es sollte kein gekonnter
Ausbruch sein. Kein Theater! Keine große Szene!)
Was ist los mit dir, Papa? Bist du tot? Ja ? Endlich tot? Alte Drecksau!
Du hast mir mein ganzes Leben zur Hölle gemacht, weißt du das
eigentlich? Nein? Hab ich dir nie gesagt, nein!? Mach’s Maul auf, sag
ich. Mach dein Maul auf. Die Zähne auseinander. Wehr dich. Schrei.
Tobe. Sitz nicht so da, so regungslos, so reglos!. Weißt nicht was los ist,
nein?! Willstes nich wissen, wie?! Vielleicht beides. Wie immer.
Scheiß ich drauf, aber echt. Weißt dus noch, damals an meinem
Geburtstag? Da bist du gekommen zu mir. Ich war da vielleicht zwölf
oder so. Die Mama war ja schon lange fort. Die anderen waren alle in der
Schule und ich durfte zuhause bleiben, weil ich ja Geburtstag hatte. Die
Sonne blendete mich, wie du so dastandst, vor meinem Bett, mit deinem
Geschenk. Ich war ja allein. Schließlich hast du dich ja um uns
gekümmert. Mama war ja nicht mehr da. War krank. Irgendwo im Heim
oder so. Kam hin und wieder mal kurz vorbei, wenn du nicht da warst.
Gab sonst nur Zoff. War ja immer betrunken, die Mama. Wurde einem
schlecht von dem Gestank.
Martine Was ist jetzt? Brauchst du Hilfe. Kommst du klar?
Christine Ich habe dich geliebt, trotz allem, immer geliebt. Und jetzt rührst du dich
Nicht mehr. Liegst da in deiner eigenen Scheiße und stinkst und faulst
vor dich hin. Wenn ich könnte, würde ich dich umbringen. Zu spät. Wie
immer ein bisschen zu spät. Die Kleine. War immer ein bisschen
langsam, das Mädchen. Mädchen, von wegen. Ich weiß, ich sollte still
sein. Geht keinen was an. Nimmt man lieber mit ins Grab,
solche Geheimnisse. Ich weiß. Unser kleines Geheimnis. Wird niemand
erfahren.
Aber für heute habe ich genug von dir, mein Lieber. Ich gehe.
Kommt wieder zurück ins Wohnzimmer. Sie lässt die Tür offen.
Mirco Mach gefälligst die Tür zu! Wenn du den Gestank liebst, bitte. Von mir
aus. Pas de probleme. Wir aber, wollen nicht ersticken. Nicht hier. Nicht in
diesem, unserem Haus.
Christine sagt nichts, setzt sich.
Mirco Was is? Können wir den Fernseher jetzt haben?
Christine Zuckt mit den Schultern.
Mir egal. Von mir aus. Ja.
Martine Na, los ihr beiden, nun holt ihn schon. Er braucht ihn ja jetzt nicht mehr,
oder?
Christine Nein. Jetzt nicht mehr.
Martine Also was is? Los doch. Ist bestimmt gleich zu ende das Spiel.
Florian Wie steht’s eigentlich?
Christine Keine Ahnung. Nicht gut jedenfalls.
Mirco Fünf zu null wahrscheinlich, ne, Schwesterlein, nachdem wir ja alle
gebetet haben.
.
Florian und Mirco begeben sich ins Sterbezimmer und holen den Fernseher.
Sie kommen mit dem Fernseher zurück, stellen ihn auf seinen
alten Platz und schließen ihn wieder an.
Christine Nein.
Fernseher läuft
Martine Endlich!
Mirco Mein Gott, ist das ein Gestank.
Martine Dann mach doch die Tür endlich zu, anstatt hier rumzumeckern.
Mirco OK, OK, OK, OK, OK, OK. Geh ja schon.
Er steht auf, will gerade losgehen, da geht Christine zur Tür und schließt
sie und setzt sich dann wieder.
Mirco Also wie steht’s?
Martine Na, du wirst es vermutlich nicht glauben: Zwei zu null für uns, du Arsch!
Muss gerade eben gefallen sein. Wir habens geschafft. Is gleich zu ende
das Spiel. Muss jeden Augenblick zu ende sein. Wahnsinn. Ich habs
gewusst. Ich habs ja gewusst.
Plötzlich erstarren alle, weil ihnen bewusst wird, dass der Vater ja
gestorben ist.
Die Handys klingeln. Und zwar bei allen gleichzeitig.
Alle bis auf Christine chorisch Christine hinkt mit dem Text etwas hinterher.
Ja, ich weiß. Ich hab’s gesehen. Ja, bis nachher. Kann noch ein bisschen
dauern. Ja. Na, weil. Gerade eben ist es passiert. Christine war bei ihm.
(Christine: ich war bei ihm)
Gerade eben. Nein. Weißt du, wir sind alle ein bisschen mit den Nerven.
Ist doch wohl. Na? Oder nich? Ich kann jetzt hier nicht so schnell. Ist doch
schließlich ein ziemlich tragisches Ende. Er hat sich so auf das Spiel
gefreut und jetzt hat er noch nicht mal mitbekommen, dass wir es
geschafft haben, dass wir tatsächlich im Achtelfinale sind. Was für ein
schöner Tod hätte das sein können, wenn er das noch mitbekommen
hätte, der Vater. Das tut weh, sag ich dir, sehr weh. Na ja. Vorbei.
Schrecklich. So ein Ende. Kann man sich so gar nicht so richtig freuen
darüber. Schrecklich.
Ende
|