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präsentiert die

TTZ (100 x 100)

Nachtbus

von David Gieselmann

 

24-Stunden-Stück

Drama Köln (Tschechien – Ghana)

 

My friends from high school / married their high school boyfriends / moved into houses / in the same zipcodes as their parents lived.”

Dixie Chicks “the long way around”

 

Angelika

Marti

Bruno

Ben

 

ANGELIKA Ich stehe an einer Bushaltestelle. In einer warmen

Sommernacht. In meiner Heimatstadt. Peine. Peine-Salzgitter. Ich stehe da, und da kommt dieser Mann, der humpelt, und der humpelt auf mich zu. Ich sehe ihn schon von 50 Metern Entfernung. Humpelt also dieser Mann auf mich zu. Dann steht er an der Haltestelle und sagt:

 

BRUNO Ist der Bus schon weg? Der Nacht ... bus?

 

MARTI “Der 164er?”

 

ANGELIKA Frage ich nach, und mir fällt in diesem Moment ein, daß von hier, vom Sanddorner Platz in Peine Salzgitter nur ein einziger Nachtbus fährt.

 

BEN Und zwar der 164er.

 

ANGELIKA Hier fährt ja nur 164er.

 

MARTI “Hier fährt ja nur der 164er.”

 

ANGELIKA Füge ich an.

 

BEN Und der humpelnde Mann nickt.

 

BRUNO Ja genau.

 

BEN Ob der also schon weg ist?

 

ANGELIKA Will er von mit wissen. Und ich sage:

 

MARTI Nein.

 

ANGELIKA Auf den warte ich auch.

 

MARTI Auf den 164er.

 

BRUNO Sag mal: ... Angelika?

 

ANGELIKA Ja?

 

BRUNO Aus der F?

 

MANFRED F?

 

BRUNO Ich war in der E. Schulklasse. Friedrich Liszt Schule. Abi 94.

 

ANGELIKA Ich war in der F. Genau. Abi habe ich aber erst zwei Jahre später gemacht.

 

BRUNO Wir waren doch aber vorher in einer Stufe.

 

ANGELIKA Bis zur Elften Klasse. Ich F, du E.

 

MARTI B.

 

BEN A. Abi 96.

 

ANGELIKA F.

 

BRUNO B.

 

MARTI Wir waren die Seitenscheitelfraktion. Lauter blonde Mädchen, und auf einmal waren diese Seitenscheitels in. Mitte der 80er war das. Es war eine Vanessa Friedrich, die zuerst die Haare so hatte. Und dann zogen wir nach. Erst Nicole Loose, dann ich.

 

BEN Wir in der A fanden die Mädchen in der B zwei Jahrgänge drüber alle super. Die hatten auf einmal alle Seitenscheitel. Aber da war natürlich kein Rankommen. Man kriegt ja kein Mädchen mit Seitenscheitel. Das auch noch zwei Jahrgänge drüber ist.

 

BRUNO Vanessa Friedrich! Die war so irre.

 

ANGELIKA Und da hast du mich jetzt erkannt. Nach mehr als 12 Jahren.

 

BRUNO Ja. Als ich dich eben gefragt habe nach dem Bus.

 

BEN Der 164er war eigentlich immer der Bus, mit dem wir nach Peine wieder reinfuhren. Also in die andere Richtung, als Angelika und Bruno jetzt fahren wollen. Der Bus hielt damals, und das tut er noch heute, am Prackenwalder See. Da war die Diskothek Steinbruch. Da ging man hin.

 

MARTI Und fuhr dann mit dem 164er wieder nach hause. Man stieg dann Sanddorner Platz aus, oder, wenn man weiter westlich wohnte, eine später am Lurcher Pfad.

 

BRUNO Wie ist denn das Spiel ausgegangen. Wissen Sie das? Also, weißt du das?

 

ANGELIKA Welches Spiel?

 

BRUNO Tschechien gegen Ghana.

 

ANGELIKA Ich? Ich weiß nicht. Ich interessiere mich nicht für Fussball.

 

BRUNO Aber jetzt zur WM?

 

ANGELIKA Wie eigenartig, daß du mich erkannt hast.

 

MARTI Ich will wissen, ob im Steinbruch noch was los ist. Ich steige also am Lurcher Pfad in den Nachtbus 164. Da spricht mich auf einmal der Busfahrer an.

 

BRUNO “Entschuldigung?”

 

MARTI Fragt der Busfahrer also auf einmal.

 

BEN Abi 96. Und heute bin ich Busfahrer. Das ist doch auch mal ne Karriere. Heute Nachtschicht. Am Lurcher Pfad steigt Marti Gärtner ein. Die war in der B zwei Jahrgänge über mir und hatte von allen Mädchen da den lässigsten Seitenscheitel.

 

BRUNO Ja genau. Die hatten auf einmal alle diese Seitenscheitel. Da war erst Nicole Loose, dann Vanessa Friedrich und dann eben Marti Gärtner.

 

MARTI Die Vanessa Friedrich war vor Nicole Loose.

 

BEN Aber die Marti Gärtner war die Lässigste. Und jetzt steigt die am Lurcher Pfad in meinen Bus. Nachtbus 164.

 

ANGELIKA “Kennen wir uns?”

 

MARTI  Frage ich den Busfahrer.

 

BEN Marti Gärtner?

 

MARTI Ja?

 

BEN Friedrich Liszt Schule? Abi 94? Seitenscheitelfraktion?

 

MARTI Ehm ... ja?

 

BEN Ich war zwei Jahrgänge drunter. Das mag jetzt vielleicht komisch klingen aber - ... ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber ...

 

BRUNO “Ich war damals wahnsinnig in Sie verliebt.”

 

BEN Sage ich schließlich. Kurz hinter dem Lurcher Pfad. Am 17. Juni 2006. Im Spiel Tschechien gegen Ghana gab es gerade den dritten Platzverweis, haben sie im Radio vermeldet. Nun spielt die USA in Unterzahl.

 

MARTI Man muß sich das mal vorstellen: Das ist der Nachtbus. Um Viertel nach zehn. In Peine-Salzgitter fahren ab fünf nach zehn die Nachtlinien. Das ist doch der reinste Terror.

 

ANGELIKA Ich stehe also nachts um 22 Uhr und 17 Minuten an der Haltestelle Sanddorner Platz, und da kommt Bruno Sanftleben, den ich seit 11 Jahren nicht gesehen habe, der humpelt auf mich zu und fragt mich, wie das Spiel Ghana gegen USA ausgegangen ist.

 

BRUNO Ghana gegen Tschechien.

 

ANGELIKA Von mir aus. Ich weiß es nicht.

 

MARTI Der Busfahrer hört Radio. Fifa WM 2006, Gruppe E, USA gegen Italien, von diesem Spiel wird gerade live berichtet, und der Busfahrer sagt mir, daß er mal in mich verliebt war, vor mehr als zehn Jahren. Das ist doch der reinste Terror.

 

BEN Wo geht’s hin?

 

MARTI In den Steinbruch. Kommst du mit?

 

BEN Ich hab Dienst.

 

MARTI Ja, sicher.

 

BRUNO Nicole Loose, die blöde Kuh, die war doch in deiner Klasse.

 

ANGELIKA Nee, die war in der B. Die hatte als erstes den Seitenscheitel. Dann Vanessa Friedrich, dann Marti Trabner. Oder wie die hieß.

 

MARTI Marti Gärtner.

 

ANGELIKA Ja genau. Und ich habe verdammt noch mal keine Ahnung, wie das Spiel ausgegangen ist. Läuft das denn nicht noch?

 

BRUNO Nee, das ist USA gegen Italien.

 

BEN Nächster Halt: Sanddorner Platz.

 

BRUNO Da kommt er ja endlich.

 

ANGELIKA Wer?

 

BRUNO Der Bus.

 

MARTI Am Sanddorner Platz steigen zwei Leute ein: Bruno Sanftleben und Angelika Büttenbender. Das ist doch der reinste Terror.

 

BRUNO Den Busfahrer kenn‘ ich. Es ist Ben Ranft. Der war zwei Jahrgänge unter uns. Der war immer in Marti Gärtner aus der B aus der Seitenscheitelfraktion verliebt. Und jetzt kommt’s: Die sitzt auch in dem Bus.

 

BEN Sanddorner Platz, ich wird verrückt, steigen Angelika Büttenbender und Bruno Sanftleben ein. Die waren beide auch in dem Jahrgang von Marti Gärtner.

 

ANGELIKA Jetzt fällt mir auf einmal ein, wer dieser Bruno war: Bruno Sanftleben, der von mir wissen will, wie irgendein Spiel ausgegangen ist, an der Haltestelle Sanddorner Platz im Jahre 2006, dieser Bruno Sanftleben hat Bass gespielt und ist bei Philip Boa aus der Band ausgestiegen. Philip Boa and the Voodoo Club. Gut, das sind jetzt nicht die Stones, aber wenn man in Peine Bass spielt, dann sind das eben doch schon fast die Stones. Und da ist der ausgestiegen, weil er meinte:

 

BRUNO Philip?

 

BEN Ja?

 

BRUNO Ich steig aus. Ich sehe für den Voodoo Club keine Zukunft.

 

ANGELIKA Ich kenne den nicht besonders gut, den Bruno Sanftleben, aber daß er damals bei Philip Boa ausgestiegen ist, das war sicher der Fehler seines Lebens.

 

BRUNO Gerade, als wir in den Bus steigen, sagt Angelika Büttenbender zu mir:

 

MARTI “Sag mal, bist du nicht der Typ ...”

 

BRUNO Der damals bei Philip Boa ausgestiegen ist, ja. Das werde ich wohl nicht mehr los.

 

ANGELIKA Und jetzt ist der sauer auf mich. Aber wir vergessen das mit Philip Boa gleich wieder, weil Marti Gärtner in dem Bus 164 sitzt und weil den Bus Ben Ranft fährt.

 

BEN (leise zu MARTI) Sind das nicht auch zwei von unserer Schule?

 

MARTI (leise zu BEN) Ich glaube auch.

 

BEN (leise zu MARTI) Bruno Sanftleben, der Mensch, der heute noch bei Philip Boa Bass spielen könnte, und die andere ...

 

MARTI (leise zu BEN) Angelika Maier. Die war ein zwei Jahre in der Klapse und war doch dann bei euch im Jahrgang. Und vorher bei uns.

 

BRUNO (leise zu ANGELIKA) Das sind doch Ben Ranft und Marti Gärtner. Mensch was für‘ n Zufall.

 

ANGELIKA (leise zu BRUNO) Ja.

 

BRUNO (leise zu BRUNO) Mit dem Ben hast du doch dann Abi gemacht.

 

ANGELIKA Ja.

 

BRUNO Und wo warst du die zwei Jahre?

 

ANGELIKA In der Klapse. (laut) Ich war in der Klapse!

 

BEN Ja genau. Angelika Büttenbender, nicht wahr?

 

MARTI Das ist doch der reinste Terror.

 

ANGELIKA Ich stehe auf einmal in diesem Bus und schreie laut immer wieder den Satz:

 

MARTI “Ich war in der Klapse!”

 

BEN Ich muß auf einmal an Helmut Kohl denken.

 

ANGELIKA Ich war in der Klapse!

 

BRUNO Ich war Bassist bei Philip Boa!

 

BEN Ich war in Marti Gärtner verliebt!

 

MARTI Das ist doch der reinste Terror.

 

BEN Angelika Büttenbender rastet aus und schreit, sie wäre in der Klapse gewesen. Ich steuere den Bus aus Peine hinaus. Auf einmal kommt mir der Gedanke, den Bus an einen Baum zu setzen. Den Bus 164 mit Angelika Büttenbender, Bruno Sanftleben, Marti Gärtner und eben meiner Wenigkeit.

 

MARTI Ben Ranft sitzt am Steuer, und ich seh den in dem Rückspiegel, mit dem die Busfahrer die hintere Tür im Blick haben. Und da seh ich, wie der schaut. Daß der wie vom Teufel besessen auf die einsame Landstraße schaut.

 

BRUNO Vanessa Friedrich hatte also als erstes den Seitenscheitel?

 

MARTI Ja genau. Dann Nicole Loose und dann ich.

 

ANGELIKA Sagt dieser Ben, Ben Ranft.

 

BRUNO Eigentlich waren doch alle in Vanessa Friedrich verliebt.

 

BEN Weil die den tollsten Busen hatte. Aber Marti hatte den lässigsten Seitenscheitel.

 

BRUNO Du hast also damals weniger auf Brüste sondern mehr auf Frisuren geachtet.

 

BEN Ich habe auf innere Werte geachtet.

 

BRUNO Wie ist denn das Spiel ausgegangen?

 

BEN Läuft noch.

 

BRUNO USA gegen Italien, ja, aber ich meine Tschechien gegen Ghana.

 

ANGELIKA Vanessa Friedrich hatte gar keinen tollen Busen. Das sah nur so aus.

 

BRUNO Genau das war ja entscheidend: Es sah so aus.

 

BEN Ghana hat zwei zu Null gewonnen.

 

BRUNO Ist ja irre.

 

BEN Wollt ihr auch in den Steinbruch?

 

BRUNO Wo zum Teufel sollten wir sonst hin wollen.

 

MARTI Das ist doch der reinste Terror.

 

BRUNO Die wichtigste Platte der 80er?

 

BEN Genesis “invisible touch”.

 

BRUNO Um Himmels Willen. Das ist die mit Abstand schlechteste Platte, die Genesis je gemacht haben.

 

MARTI Halt die Schnauze.

 

BRUNO Die wichtigste Platte der 80er?

 

MARTI Depeche Mode “black celebration”.

 

BRUNO Seitenscheitelmäßig gesehen. Geht in Ordnung.

 

MARTI Wie gnädig.

 

BRUNO Die wichtigste Platte der 80er?

 

ANGELIKA “Hispanola” von Philip Boa and the Voodoo Club.

 

BRUNO Sehr witzig. Die wichtigste Platte der 80er? Im Ernst.

 

ANGELIKA Sting “nothing like the sun”.

 

BRUNO Naja.

 

ANGELIKA Und du?

 

BRUNO “Use your illusions” von Guns and Roses.

 

BEN Ich habe natürlich Dienst. Ich fahre den 164er ...

 

MARTI ... einen Nachtbus um halb elf, Terror ...

 

BEN Und drei Menschen aus meiner früheren Schule wollen in den Steinbruch gehen. Darunter meine frühere Jugendliebe Marti Gärtner. Wie gesagt: Die gehörte mit Nicole Loose und Vanessa Friedrich zu den drei heissesten Mädels auf der Friedrich Liszt Schule, und ich war auch noch zwei Jahre jünger, da war natürlich überhaupt kein Rankommen. Und da soll ich nicht jetzt mit in den Steinbruch. Ich treffe eine folgenschenschwere Entscheidung.

 

MARTI Ben Ranft steuert den Bus auf den Parkplatz vom Steinbruch. Es regnet. Die Regenzeit ist gekommen.

 

BRUNO Ben Ranft steuert den Bus auf den Parkplatz vom Steinbruch.

 

ANGELIKA Ben Ranft steuert den Bus auf den Parkplatz vom Steinbruch.

 

BEN Nächster Halt: Steinbruch.

 

ANGELIKA “Wie kommt man eigentlich für zwei Jahre in die Klapse? Als Siebzehnjährige?”

 

MARTI Frage ich Angelika Büttenbender.

 

ANGELIKA Man irrt sich ein paar Mal. Wie man sich eben irrt, wenn man Siebzehn ist. Man hängt einer Idee nach. Irgendwas. Und ordnet dann alles dieser einen Idee unter. Und irgendwann erkennt man, daß eben diese Idee Null und nichtig ist. Ein Irrtum. Das hat einen dann ein ganzes Jahr gekostet. Und wenn dir das zwei Mal hintereinander passiert, hat dich das schon zwei Jahre gekostet.

 

MARTI Ich habe Vanessa Friedrich mal einen Stein an den Kopf geworfen.

 

BEN Aus welchem Grund?

 

MARTI Wir waren sechzehn. Ich bin mit Andreas Steiner gegangen. Und die Vanessa Friedrich hatte was mit dem. Das wär jetzt per se nicht so ein Unglück, aber die hat mit sechzehn was gemacht, da bin ich vom Glauben abgefallen, da mußte ich der einen Stein an den Kopf schmeissen. Und zwar hat die dem auf einer Schulfete einen geblasen. Das geht nicht. Mit sechzehn. Überlegt euch das mal. Und der Andreas Steiner, der war natürlich völlig aus dem Häuschen. Wenn man sechzehn ist, kriegt man im Allgemeinen nicht so oft einen geblasen. Und mach das dann mal einem Andreas Steiner klar, daß das nicht der Normalfall ist. Und dann hat die den fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Und Andreas Steiner war ihr hörig. Der hat sein ganzes Leben Vanessa gewidmet. Weil er das noch einmal erleben wollte. Die hat sich dann zum Beispiel Geld von dem geliehen. Das hat der natürlich nie wieder gesehen. Ich bin mir sicher, Andreas Steiner hat bis heute ein gestörtes Verhältnis zu seiner Sexualität. Und damals mochte ich den wirklich gerne. Ja. Und da hab ich Vanessa einen Stein an den Kopf geschmissen.

 

BRUNO Soll ich dir mal was sagen? Ich hätte Vanessa Friedrich jeden Betrag auf der Welt geliehen, wenn die mir mal einen geblasen hätte! Herr im Himmel! Warum Andreas Steiner? Warum nicht ich?

 

BEN Mein Gott bis du primitiv geblieben.

 

MARTI Was werden die Peiner Verkehrsbetriebe sagen, wenn sie erfahren, daß einer ihrer Fahrer die Linie 164 um halb elf eingestellt hat?

 

BEN Mir sind die Peiner Verkehrsbetriebe schnurz. Ich muß jetzt in den Steinbruch.

 

BRUNO Im Vorraum zum Steinbruch läuft WM. Die USA schiessen ein Tor, das der Schiedsrichter nicht gibt. Es steht eins zu eins. Die USA sind stehend K.O. –

 

ANGELIKA Wir betreten die eigentliche Diskothek.

 

BEN  Als wir rein kommen, spielt der DJ “this is michael” von Philip Boa.

 

BRUNO Ich hasse Philip Boa, ich hasse den Steinbruch, ich hasse Peine.

 

MARTI Nein!

 

BEN Was?

 

MARTI Sieh mal, wer da tanzt.

 

ANGELIKA Vanessa Friedrich und Andreas Steiner.

 

BRUNO Ich geh Fussball schauen. Das halten meine Nerven nicht aus.

 

BEN Bruno?

 

BRUNO Philip?

 

BEN Du bist ein verdammt guter Bassist. Und ich sage dir eins: Diese Band hat eine verdammte Zukunft. Das ist mehr als irgendeine daher geprobte verdammte Garagenband aus der Provinz. Also überlege dir verdammt noch mal gut.

 

BRUNO Ich bin ein verdammt guter Bassist, Danke, ich denke, das stimmt, und genau, weil das stimmt, steige ich aus. Und Voodoo Club ist sowieso ein verdammter Drecksname für eine Band.

 

ANGELIKA Bruno Sanftleben hat sich ein Peiner Dunkel geholt und ist zurück in den Vorraum, um die letzten zehn Minuten vom Spiel Ghana gegen USA zu sehen.

 

MARTI Was für Irrtümer meinst du denn?

 

ANGELIKA Irren kann man sich in vielerlei Dingen.

 

MARTI Ich starre entsetzt auf die Tanzfläche. Vanessa Friedrich wirft die Arme wild um sich, und Andreas Steiner hält ihr Getränk. Einen Gin Tonic.

 

BEN Einen Moment lang überlege ich, wieder in den Bus zu steigen und die Fahrt wieder aufzunehmen.

 

MARTI Ich halte das nicht aus. Ich halte es nicht aus, wie Andreas Steiner immer noch diesem einen kleinen Höhepunkt in seinem verschissenen Leben hinter hängt und muß auf der Stelle hinaus aus dem Steinbruch.

 

ANGELIKA Nicole Loose ist 32 Jahre alt und trägt als eine Art 80er-Retro-Frisur einen Seitenscheitel. Sie tanzt neben Vanessa Friedrich und bewundert sie dafür, daß ihr jemand den Gin Tonic hält. Der gesamte Steinbruch ist ein Raum voller Irrtümer. Sämtliche Steinbruchbesucher sind reif für die Klapse.

 

BEN Marti läuft hinaus.

 

BRUNO Marti Gärtner kommt in dem Vorraum, wo ich das Peiner Dunkel bereits ausgetrunken habe. Noch eine Minute länger das Spiel USA – Italien, und ich muß sterben.

 

MARTI Bruno Sanftleben folgt mir an die frische Luft. Ihm folgt Ben Ranft.

 

ANGELIKA Ich halte es keine Sekunde länger im Steinbruch aus. ich durchquere den Vorraum. Die Leute schauen immer noch Fussball. Offenbar Tschechien gegen Kamerun.

 

BRUNO Ben ist in seinen Bus gestiegen.

 

MARTI Ich steige in den Bus.

 

ANGELIKA Nur weg hier. Ich steige in den Bus.

 

BRUNO Kaum wieder im Bus stellt Ben Ranft das Radio an. Kasey Keller pariert einen Schuss von Allesandro del Piero.

 

BEN Ich nehme meine Route wieder auf.

 

ANGELIKA Der Nachtbus 164 hat elf Minuten Verspätung.

 

BRUNO Ben Ranft fährt den Bus. Das Spiel ist abgepfiffen.

 

MARTI Wir fahren und fahren.

 

ANGELIKA Es hat aufgehört zu regnen.

 

MARTI Die Sonne geht auf.

 

BRUNO Wir fahren immer noch.

 

ANGELIKA Auf der Autobahn.

 

BRUNO Im Radio werden noch einmal die Resultate vorm Vortag genannt. Außerdem ist Helmut Kohl gestorben.

 

ANGELIKA Helmut Kohl ist tot.

 

BEN Ich höre das Radio kaum. Aber offenbar ist jemand Wichtiges gestorben.

 

MARTI Wir fahren und fahren.

 

BEN Und zwar Helmut Kohl.

 

MARTI Wir erreichen die tschechische Grenze.

 

BRUNO Die tschechischen Grenzbeamten schauen ein wenig irritiert, als der Bus der Peiner Verkehrsbetriebe die Grenze anfährt, aber sie winken uns durch.

 

BEN Im tschechischen Radio wird vom Tod Helmut Kohls berichtet. Das Wichtigere Thema aber ist hier das verlorene Spiel gegen Ghana.

 

ANGELIKA Mein Arzt hat zu mir gesagt, das, was ich mit Irrtümern meine, wären zum Beispiel für einige Mädchen Take That gewesen. Und mich dann gefragt, ob ich Take That für einen Grund halten würde, sich umzubringen. Dann haben wir zusammen beschlossen, immer alles mit Take That gleich zu setzen. Und wenn man das macht, erscheint mit einem Mal jedes noch so große Problem als Bagatelle. Take That sage ich mir immer. Das ist wie für Neo: Das ist kein Löffel.

 

BRUNO  Wir erreichen Prag, die goldene Stadt.

 

MARTI Wir fahren mit dem Peiner Bus durch Prag. Letztlich wird das ein großer Werbefeldzug für die Peiner Verkehrsbetriebe.

 

ANGELIKA Ben Ranft hält direkt an der Karlsbrücke.

 

BEN Hier darf man garantiert nicht parken.

 

MARTI Viele Tschechen sehen traurig aus. Offenbar war Helmut Kohl hier sehr beliebt.

 

ANGELIKA Wir stehen auf der Karlsbrücke und schauen aufs Wasser.

 

MARTI Es ist kalt in Prag. Aber schön.

 

ENDE
 

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